BAI GANJU REIST NACH EUROPA
Sie halfen Bai Ganju den türkischen Ziegenhaarumhang vom Rücken zu zerren, er warf sich eine belgische Pelerine über - und alle beteuerten, dass er schon ein richtiger Europäer sei...
"Los, jeder von uns soll etwas von Bai Ganju erzählen!" - "Ja, los!" riefen alle. - "Lasst mich erzählen!" -"Halt, ich weiß mehr..." - "Nein, ich! Du weißt gar nichts."
Es kam zu einer Streiterei. Schließlich einigten wir uns, dass Stati anfangen sollte. Und er begann:
BAI GANJU UNTERWEGS
"Unser Zug fuhr in die riesige Halle des Pester Bahnhofs ein. Ich ging mit Bai Ganju in die Gaststätte. Weil ich wusste, dass wir hier eine ganze Stunde Aufenthalt hatten, machte ich es mir in aller Gemütsruhe an einem Tisch bequem und bestellte mir einen Imbiss und ein Bier. Rings um mich eine einzige wimmelnde Menschenmenge. Ein schöner Menschenschlag ist das! Die Ungarn, müsst ihr wissen, sind mir nicht gerade ans Herz gewachsen, doch die Ungarinnen - gegen die habe ich nichts einzuwenden. Ganz benommen durch den Lärm, hatte ich nicht bemerkt, wie sich Bai Ganju mitsamt seinem Schultersack aus dem Restaurant verdrückt hatte. Wo mochte er stecken? Sein Glas war leer. Ich schaute mich um, suchte mit meinen Blicken das ganze Lokal ab - er war weg. Ich ging hinaus auf den Bahnsteig, suchte ihn da, suchte ihn dort - nichts. Seltsam! Ich glaubte, er sei in den Wagen zurückgegangen, um nachzusehen, ob nicht etwa jemand seine Decke gemaust hatte.
Ich begab mich ins Restaurant zurück. Bis zur Abfahrt des Zuges war noch mehr als eine halbe Stunde Zeit. Ich trank mein Bier und hielt die Augen offen. Alle fünf Minuten bimmelte der Türsteher mit seiner Glocke und rief gleichmütig, mit träger Stimme, die Abfahrt der Züge aus: "Hä-gäsch-fä-kä-tä-hädj, Kisch-kö-räsch, Se-ge-din, Uj-vi-dek!" Ein paar reisende Engländer starrten ihm auf den Mund; er aber, offensichtlich an das Aufsehen, das er mit diesen eigenartigen Lauten erregte, gewöhnt, grinste bis zu den Ohren und schrie mit heiserer Stimme noch lauter, jede Silbe scharf betonend, weiter: "Uj-vi-dek, Kisch-kö-räsch, Hä-gäsch-fä-kä-tä-hädj!“
Es waren noch etwa zehn Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Ich beglich meine Zeche, bezahlte auch das Bier von Bai Ganju und ging hinaus auf den Bahnsteig, um ihn zu suchen. Da lief gerade ein Zug langsam in die Bahnhofshalle ein, und stellt euch vor, in einem Wagen dieses Zuges wurde Bai Ganju sichtbar, der zur Hälfte aus dem Fenster heraushing. Er bemerkte mich, winkte mit seiner Pelzmütze und rief mir schon von weitem etwas zu, was ich wegen des Zischens der Lokomotive jedoch nicht verstehen konnte. Ich begriff, was da passiert war. Als der Zug hielt, sprang Bai Ganju heraus, stürzte auf mich zu und erzählte mir, indem er in reichlichem Maße kräftige Flüche gebrauchte, die ich mit eurer Erlaubnis nicht wiederholen werde, folgendes:
,Ich kann dir sagen, Bruder, ich bin ganz fertig von der Rennerei ...'
,Von was für einer Rennerei denn, Bai Ganju?'
,Na, was für eine Rennerei! Du warst ja auch dort in der Gastwirtschaft ganz weg vor lauter Gegaffe...'
,Na und?' fragte ich.
,Na und? In der Zwischenzeit läutete der da an der Tür mit der Glocke, weißt du, dann hörte ich, dass die Maschine pfiff, ich stürze hinaus - ich konnte dir nicht mehr Bescheid sagen - und sehe, wie unser Zug anfährt. Holla! Meine Decke! Ich aber hinterher; gelaufen bin ich, gerannt - ich kann dir sagen! Schließlich merke ich, dass er kurz anhält, und - hopp! - bin ich drin. Jemand schreit aufgeregt etwas hinter mir her: Hä-kä, mä-kä! Aber ich, weißt du, ich lasse mich nicht ins Bockshorn jagen, ich funkelte ihn an und zeigte ihm meine Decke; oha ja, er war vernünftig und zog ab. Er hat sogar ein bisschen gelacht. Wer konnte denn ahnen, dass wir wieder zurückfahren würden? So was kann eben nur in Ungarn passieren!'
Gott verzeih mir die Sünde, ich lachte aus vollem Halse über Bai Ganjus Abenteuer. Der Unglücksrabe! Der Zug hatte rangiert, um auf ein anderes Gleis zu kommen, und Bai Ganju, der Arme, war volle drei Kilometer hinter ihm hergerannt - befand sich doch seine Decke darin!...
,Du hast aber in der Eile vergessen, dein Bier zu bezahlen, Bai Ganju!'
,Was ist da schon groß dabei! Als ob die uns nicht auch so genug schröpften!' entgegnete Bai Ganju in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
,Ich habe es bezahlt!'
,Du hast wohl zuviel Geld gehabt, da hast du's bezahlt. Komm, steig ein, fix, steig ein, damit wir nicht noch mal hinter der Maschine herlaufen müssen', sagte Bai Ganju befehlend.
Wir kletterten in den Wagen. Bai Ganju hockte sich, mit dem Rücken zu mir, vor seinen Schultersack, zog einen halben Laib Schafkäse heraus, schnitt sich ein winziges Stückchen ab, dazu einen gewaltigen Kanten Brot und begann mit erstaunlichem Appetit zu schmatzen, wobei er die Bissen bald in die eine, bald in die andere Backe schob und ab und zu den Hals reckte, um das trockene Brot hinunterzuwürgen. Bai Ganju aß sich satt, rülpste ein-, zweimal, sammelte die Brösel in der hohlen Hand, schluckte auch sie runter, murmelte vor sich hin: ,Ach, wenn mir jetzt doch jemand ein Schlückchen Wein spendieren wollte', setzte sich mir gegenüber, lachte gutmütig und sagte, nachdem er mich eine ganze Weile von der Seite angeschaut hatte:
,Hast du schon Reisen gemacht, Verehrtester, bist du schon ein bisschen weiter in der Welt herumgekommen?'
,Ich bin schon ganz schön herumgekommen, Bai Ganju.'
,Aber ich erst. Wo bin ich nicht überall gewesen! Hoho! Ganz abgesehen von Edirne und Konstantinopel, aber in Rumänien! - Das glaubst du wohl nicht? - Da war ich in Giurgiu, Turnu-Mägurele, Ploesti, Pitesti, Bräila, Bukarest, Galati - halt, ich will dich nicht beschwindeln, ob ich in Galati war, das weiß ich nicht mehr, doch die ändern Städte habe ich der Reihe nach besucht!'
Unsere Fahrt nach Wien verlief eintönig. Ich bot Bai Ganju etwas von meiner Reiselektüre an, damit er sich die Zeit mit Lesen verkürzte, aber er lehnte mein Angebot liebenswürdig mit der Bemerkung ab, er habe früher schon eine ganze Menge gelesen und halte es für vernünftiger, ein Nickerchen zu machen. Warum solle er für nichts und wieder nichts munter bleiben; das Geld für die Eisenbahn habe er sowieso ausgegeben, da könne er sich doch wenigstens dafür ausschlafen. Und der Kopf sank ihm auf die Brust. Er schlief ein und schnarchte so gewaltig los, dass man, auch ohne je im Atlas gewesen zu sein, wusste, wie dort die Löwen brüllen.
Wir kamen in Wien an und stiegen im traditionellen Hotel London ab. Die Diener nahmen meine Tasche vom Wagen und wollten auch den Doppelsack Bai Ganjus nehmen, er aber gab ihn - wer weiß, warum, vielleicht aus lauter Rücksicht - nicht her.
,Den kann man ihnen doch nicht geben, Bruder, da ist Rosenöl drin - damit ist nicht zu spaßen, es duftet stark, es könnte jemand hineinlangen und ein Fläschchen rausholen - dann lauf du mal hinterher! Die Sorte kenne ich. Du darfst nichts darauf geben, dass sie so aalglatt sind (Bai Ganju meinte höflich, doch dieses Wort ist in unserem Sprachschatz noch neu, man vergisst es leicht), du darfst nichts darauf geben, dass sie immer um dich herumscharwenzeln. Warum tun sie das denn? Denkst du etwa, die führen Gutes im Schilde? "Eins, zwei! Gut Morgin!" Und immer sind sie darauf aus, etwas zu ergattern. Wenn sonst nichts, dann wenigstens ein Trinkgeld. Darum pass ich immer auf, dass ich mich, wenn ich das Hotel verlasse, ganz heimlich, still und leise davonmache. Bettelvolk das! Für dies Kreuzer, für das Kreuzer - da kann man zu nichts kommen!'
Weil das Rosenöl, das Bai Ganju bei sich hatte, tatsächlich ein recht wertvolles Objekt war, schlug ich ihm vor, es an der Kasse zur Aufbewahrung abzugeben.
,An der Kasse?' rief er in einem Ton, in dem Mitleid über meine Naivität durchklang. ,Ihr Gelehrten seid komische Vögel! Woher willst du denn wissen, was das für welche sind, die da an der Kasse sitzen! Da nimmt so einer dein Rosenöl in Empfang - und weg ist er! Was willst du dann machen? Komm mir nicht mit so was! Siehst du diesen Wickelgurt hier?' Bai Ganju zog seine weite Weste hoch. ,Da werde ich all die Rosenölfläschchen reinstecken: Gewiss, es ist ein bisschen schwer, dafür aber sicher.' Damit kehrte mir Bai Ganju den Rücken zu ("die Welt ist groß, es gibt Leute jeden Schlages, wer weiß, was dieser Grünschnabel für einer ist") und begann, die Rosenölfläschchen in seinen Wickelgurt zu stopfen. Ich forderte ihn auf, mit mir zum Mittagessen zu kommen.
,Wo wollen wir essen?'
,Unten im Restaurant.'
,Danke, ich habe keinen Hunger. Geh du nur, Verehrtester, und iss. Ich werde hier auf dich warten.'
Ich bin davon überzeugt, dass Bai Ganju, sowie ich aus dem Zimmer war, seine hölzerne Proviantdose hervorholte. Wenn man einen Imbiss bei sich hat, wird man doch sein Geld nicht für warmes Essen ausgeben - so schnell verhungert man schon nicht!
Ich brachte Bai Ganju ins Kontor eines bulgarischen Kaufmanns und ließ ihn dort, ich selbst stieg in die Straßenbahn und fuhr nach Schönbrunn. Ich ging hinauf zur Gloriette, betrachtete Wien und seine Umgebung, wanderte durch die Alleen und den Zoologischen Garten, schaute eine ganze Stunde den Affen zu und kehrte gegen Abend ins Hotel zurück. Bai Ganju war auf dem Zimmer. Er wollte verbergen, womit er gerade beschäftigt war, aber das gelang ihm nicht, und ich bemerkte, dass er sich eine neue Tasche in die Innenseite seines Rockes nähte. Als gewitzter Mann trug er auch im Sommer eine Bauernjacke unter seinen französischen Kleidungsstücken. ,Im Winter iss gut, im Sommer kleide dich gut', sagen die alten Leute, daran hielt sich auch Bai Ganju.
,Ich war gerade dabei, einen Flicken aufzusetzen', sagte er verwirrt.
,Du nähst dir doch eine neue Tasche auf, du musst aus deinem Rosenöl ganz schön was herausgeschlagen haben', versetzte ich scherzend.
,Wer? Ich? Da irrst du dich aber! Wozu brauch ich hier eine Tasche? Taschen hab ich mehr als genug, wenn ich nur das Geld dafür hätte. Das ist keine Tasche, das ist überhaupt nichts, mein Rock war nur ein wenig aufgeplatzt, da hab ich eben einen kleinen Flicken aufgesetzt... Wo warst du denn? Spazieren? Das ist richtig.'
,Warst du nicht auch ein bisschen spazieren, um dir Wien anzusehen?'
,Was soll ich mir Wien ansehen? Eine Stadt wie jede andere: Menschen, Häuser, Pomp. Und wohin du auch kommst, überall heißt es "Gut Morgin", überall wollen sie Geld von dir. Warum sollen wir unser schönes Geld den Deutschen geben, das können wir ebenso gut bei uns ausgeben ...' "
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