BAI GANJU IN DER OPER
"Ich überredete Bai Ganju, mit mir einen Spaziergang bis zur Oper zu machen und für den Abend Karten zu kaufen. Es wurde ,Die Puppenfee' und noch etwas, woran ich mich nicht mehr erinnere, gegeben. Wir gingen am Griechischen Cafe vorbei, bogen ein zum Cafe Mendl, wo die Bulgaren immer zusammenkommen, und schlenderten weiter zum Stephansdom. Hier auf dem Platz lud ich Bai Ganju ein, mit mir in eine Konditorei einzukehren, ich ahnte ja nicht, dass in der Haut Bai Ganjus auch ein Don Jüan stecken kann. Doch was für Wunder vollbringt die Zivilisation nicht! Ich muss noch hinzufügen, dass ich damals in Wien studierte. Die Ferien über war ich zu Hause gewesen, und jetzt kehrte ich zurück; auf der Fahrt nach Wien hatte ich Bai Ganju kennengelernt. Ich besuchte diese Konditorei häufig und war mit der Kassiererin, einem hübschen, lustigen Mädchen, gut bekannt; sie war zwar ein munteres Ding, doch hielt sie auf Anstand und gestattete keine Freiheiten. Und stellt euch vor, Herrschaften, ich gehe also mit Bai Ganju hinein, wir treten ans Büfett, das Mädchen heißt mich heiter willkommen, ich antworte mit ein paar scherzhaften Liebenswürdigkeiten und wende mich um, um mir ein Stück Gebäck auszusuchen, als ein entrüsteter Schrei durchs ganze Lokal gellt...
,Was ist denn passiert, Bai Ganju, hast du ihr etwas getan?' rief ich beunruhigt und ärgerlich.
,Nein, Bruder, nein, was soll ich ihr getan haben?' erwiderte Bai Ganju verwirrt, mit bebender Stimme.
Aufs äußerste erzürnt, hochrot im Gesicht, erklärte mir das Mädchen mit lauter Stimme, dass Bai Ganju unverschämt geworden sei; er habe sie gepackt und nicht nur das - die Zähne zusammengebissen, habe er sie auch gekniffen. Sie wollte die Polizei rufen. Ein Skandal!
,Mach dich hier schleunigst aus dem Staube, Bai Ganju, wenn dich die Polizei erwischt, geht es dir an den Kragen; geh schon voraus, ich hol dich ein', schrie ich ihn mit gespieltem Unmut an, aber es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte laut losgelacht, als ich die tragikomische Gestalt Bai Ganjus sah.
,Die soll sich nicht so haben', sagte Bai Ganju beim Hinausgehen mutig. ,Als ob sie wer weiß wie tugendsam wäre! Ich kenne die hiesigen Weiber. Zeig so einer den Geldbeutel, gleich heißt es: Gut Morgin. Aber Bai Ganju ist kein solcher Einfaltspinsel...'
Meine Erlebnisse an diesem Tage sollten durch ein weiteres kleines Abenteuer ihren Abschluss finden, dessen Held abermals unser Bai Ganju war.
In der Oper wurde, wie ich bereits sagte, ,Die Puppenfee' gegeben. Wir saßen im Parkett. Das Theater war voll. Bai Ganjus hellbraune Kleidung stach in ihrem Kontrast zu der dunklen Farbe der übrigen Anzüge ins Auge. Der Vorhang ging auf. Totenstille. Alle Augen waren auf die dekorierte Bühne gerichtet. Ich merke, dass Bai Ganju rechts neben mir herumfuhrwerkt und ächzt, doch ich kann meinen Blick nicht von der Bühne losreißen. Die Figureil des Balletts verändern sich fortwährend, wie durch die Berührung eines Zauberstabes, verschiedene Gruppen von Tänzerinnen schweben herbei und entschwinden wieder; die Bühne ist bald dunkel, dann wieder erstrahlt sie in ein- oder mehrfarbigem Licht - eine richtige Feerie! Aus der Hauptgruppe der Tänzerinnen löst sich eine, trippelt mit kleinen, raschen Schritten auf die Vorbühne, bleibt stehen, springt in die Höhe und schwebt, nur auf die Spitze ihres einen Fußes gestützt, in der Luft... Im selben Augenblick erschallt hinter mir ein hysterisches Auflachen: ,Hahahaha'. Ich wende mich nach links um - alle Reihen hinter mir kichern und zeigen auf etwas an meiner rechten Seite. Sofort stieg eine böse Ahnung in mir auf. Ich wandte mich nach Bai Ganju um... Großer Gott! Was musste ich da sehen! Bai Ganju saß in Hemdsärmeln da und hatte sich die Weste aufgeknöpft, die ihm wegen der Rosenölfläschchen, die er in seinen Wickelgurt gestopft hatte, zu eng geworden war. Ein Theaterdiener hatte ihn mit zwei Fingern am Ärmel gefasst und machte ihm mit dem Kopf unmissverständliche Zeichen, das Theater zu verlassen. Bai Ganju funkelte ihn zornig an und erwiderte, ebenfalls durch Zeichen: "Wen willst du denn hier einschüchtern, he?" Eben diese mannhafte Haltung entlockte einem jungen Mädchen, das hinter uns saß, jenes hysterische Lachen, und dieses Lachen steckte das ganze Theater an. Eine schöne Bescherung!... Und stellt euch vor, Herrschaften, während ich vor Scham am liebsten in den Boden gesunken wäre, schaue ich, wie von einem Magneten angezogen, zu den Logen und begegne den auf mich gerichteten Blicken einer mir gut bekannten deutschen Familie, die mich sehr wohlwollend aufgenommen hatte; in ihren Augen las ich aufrichtiges Mitleid mit mir in meiner bedauernsweiten Lage. Inzwischen zerrte mich Bai Ganju energisch am Ärmel:
,Los, komm, wir wollen gehen. Lass diese Gauner, warte, die werd ich schon noch einmal zwischen die Finger kriegen!...' "
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