(BG)

 

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Postols Mhlen


...Zu jener Zeit schuf der Teufel die Ziege,
und als er zum Herrn ging,
sattelte er den Geißbock
und flocht ihm einen Zaun aus Porree;
seither haben die Ziegen Barte.

Bogomilenmärchen

 

Marin trieb seine Ziegen oft oberhalb der Mühlen Postols entlang. Dann hallte der Wald vom Geläut der Schellen wider, vom Singsang der kleinen aus Messing und vom Dröhnen der großen, eisernen, die von Zeit zu Zeit schwer wie Kirchenglocken schlugen. Manchmal tönten alle durcheinander, so dass man meinen konnte, die Herde liehe vor einem Wolf oder einem blutgierigen Bären den Hügel hinab und werde im nächsten Augenblick auf die eine oder die andere Mühle stürzen. Doch nichts dergleichen geschah. Die Tiere zogen vorüber, ohne dass man sie zu Gesicht bekam; nach und nach verstummte das Geläut, nur in der Ferne schepperte noch eine Glocke auf den steilen Hängen, dort, wo das Weißbuchengehölz hohen Buchen Platz machte. So war es immer.

Aber eines Morgens - die Sonne war eben aufgegangen, und der Tau blinkte noch an den Gräsern und dem Laub der Nussbäume - erschien vor der unteren Mühle ein großer schwarzer Bock. Es war nicht schwer zu erraten, dass er sich von Marins Herde abgesondert hatte, deren Schellen ganz in der Nähe erklangen. Einige Bauern, die bei der oberen Mühle hin und her gingen und Säcke schleppten, bemerkten, dass er sich nicht von der Stelle rührte, als scheue er vor dem schwarzen Schattenkreuz des großen Nussbaums zurück. Bald darauf sahen sie Schenda. Sie stand neben dem Bock, fütterte ihn aus der Hand mit Brot und lachte.

Später kam auch Warban heraus. Als Schenda ihren Mann erblickte, fuhr sie leicht zusammen, ließ von dem Tier ab und trat aus dem Sonnenschein in den Schatten. Warban schien weder sie noch den Bock zu bemerken. Er schaute zur oberen Mühle hinauf und sah, dass dort ausgespannte Wagen standen, während bei ihm keine Menschenseele einkehrte. Da nagte der Neid wie eine Schlange an seinem Herzen, und sein Gesicht wurde noch finsterer, als er sich seiner Mühle zuwandte und den Bock bemerkte. Er hörte das Geläut im Walde und wusste, dass dort Marins Ziegen weideten. Warban hasste alle Menschen, ja die ganze Welt. Obwohl der Geißbock ihm nichts zuleide getan hatte, entlud sich sein Zorn auf das Tier. Er schleuderte einen Stein, um es zu verjagen. Der Ziegenbock schlug einen Haken, blieb stehen und schwenkte drohend die Hörner. Warban kümmerte sich nicht mehr um ihn und kehrte in die Mühle zurück.

Von neuem fielen die Sorgen über ihn her. ,Es ist, als hätten sich alle verabredet, zu dem alten Dummkopf da oben zu gehen', dachte er. ,Angeblich weiß er den Mühlstein gut zu hämmern und das Korn fein zu mahlen! Nun, was das Hämmern betrifft - darauf verstehe ich mich auch nicht schlecht!' Abermals und stärker als zuvor packte ihn die Wut; er lief in die Stube und suchte auf den Wandbrettern nach seinem Hammer.

Draußen lockte Schenda wieder den Bock an, lachte und hielt ihm Brot hin. Das machte ihr Spaß, und damit die Leute sie auch ja sehen konnten, wandte sie sich um; dabei schielte sie nach der oberen Mühle. Der Bock hatte keine Angst vor ihr, aber sie fürchtete sich vor ihm. Zwar reichte sie ihm die Krumen aus der Hand, zuckte aber jedes Mal zurück, bog den Oberkörper nach hinten und war immer auf dem Sprung davonzulaufen. Wer weiß -vielleicht verstellte sie sich nur? Der Bauernrock umspannte eng ihren prallen Leib, der eine Zopf fiel ihr beständig über die Schulter und wurde ungeduldig zurückgeworfen. Sie hatte starkes Haar, ihre beiden Zöpfe glichen zwei schwarzen Schlangen und reichten ihr bis über die Knie.

Warban hatte inzwischen den Hammer gefunden und besah ihn nachdenklich von allen Seiten. Dann legte er ihn hin und machte sich daran, den Mahlstein herauszunehmen, um ihn ein wenig zu hämmern. Das Mühlrad seines Nachbarn klapperte wie toll und trieb ihn zur Eile. Schenda kam herein und ging mit den Kupferkesseln wieder hinaus, aber Warban beachtete sie nicht. Er packte den Stein mit beiden Händen, stemmte ihn hoch und versuchte, ihn herunterzuwälzen. Schwer war der Stein, mehrere Männer wären nötig gewesen, ihn wegzurücken. Warban keuchte, seine Halsadern schwollen. Plötzlich polterte es hinter ihm, und er wandte den Kopf: Neben der Getreidekiste stand der Bock, groß und schwarz, die länglichen gelben Augen unverwandt auf den Müller gerichtet. Er kaute langsam, und sein Bart wippte. Warban schrie ihn an, doch der Eindringling rührte sich nicht. Nun ergriff Warban mit einer Hand die Schöpfkelle, um sie nach dem Tier zu schleudern. Dabei entglitt ihm der Stein und stürzte herab. Der Mann konnte weder zurückweichen noch die Last halten, und so fiel der Stein mit aller Wucht auf ihn.

Warban schrie nicht, er stöhnte nicht einmal, er lag wie tot. Der Stein drückte schwer auf seine Beine. Wie im Traum hörte er Kessel klirren, die ausgeleert und hingestellt wurden. Dann vernahm er Schendas Hilferufe. Stunden schienen vergangen zu sein. "Was gibt's junge Frau? Was ist geschehen?" fragten Männerstimmen. Warban spürte, dass man ihn aufhob und forttrug. Ihn dünkte, er werde in einer Wiege geschaukelt. Er hatte keine Schmerzen, von den Knien ab fühlte er sich so leicht, als hätte er keine Beine mehr.

Hastig und toll wie immer arbeitete die obere Mühle. "Dort war nur Großmutter Anna geblieben, die Frau des alten Iwan. Sie war krank und konnte nicht gehen, sonst wäre sie allen voran hinuntergelaufen. Die Wartezeit wurde ihr entsetzlich lang. Endlich kehrten die Männer zurück. Sie schlugen die Augen nieder, ihre Mienen waren bekümmert. Großmutter Anna brauchte nicht zu fragen, und sie sagten ihr auch nichts. Großvater Iwan schwieg ebenfalls; er schien es nicht eilig zu haben, und erst als er seine Pfeife an der Wand ausgeklopft hatte, erzählte er, was vorgefallen war.

"Dieser Bock... Welcher Teufel hat ihn hierher gebracht?"

"Und die da unten? Was macht die?" brauste Großmutter Anna auf.

"Wer denn?"

"Schenda, wer sonst? Schließlich war sie's doch, die ihn gefüttert hat, ich hab's ja gesehen!"

"Ach was, immer musst du über Schenda herziehen! Was kann sie denn dafür? Wenn einem Schlimmes beschieden ist, kann niemand es abwenden, so ist das..."

"Ich weiß, was ich weiß, ich bin ja nicht blind! Da heißt es immer, Warban taugt nichts, Warban stiehlt vom Korn. Unsinn! Er ist nicht schlecht, er bringt es nur nicht fertig, ruhig mit anzusehen, wie seine Frau mit jedem Hergelaufenen schöntut... Natürlich wird er da böse!... Die Leute meiden seine Mühle, weil er sich mit allen zankt. Wie soll er nicht zanken, wenn er so ein Weib hat?"

Großvater Iwan stopfte bedächtig sein Pfeifchen. Auf einmal veränderte sich sein Gesicht, die mehl-bestaubten Brauen hoben sich, in den Augen leuchtete ein listiges Flämmchen auf.

"Hör, Alte, was ich dir sagen werde", begann er und zwinkerte den Bauern zu.

"Jetzt sind wir einander gleich: Hier wie dort gibt es einen Gesunden und einen Kranken. Was tun, he? Ich meine, der Kranke sollte sich zum Kranken und der Gesunde zum Gesunden gesellen. Geh du zu Warban, und ich nehme mir Schenda..."

Die Männer lachten dröhnend und klopften ihm auf den Rücken. Großmutter Anna wollte etwas erwidern aber schon waren sie allesamt zur Tür hinaus. Verärgert, mit zusammengekniffenen Lippen richtete die alte Frau den Blick auf die untere Mühle. Dort war niemand zu sehen. Nur der Ziegenbock strich umher, sprang am Gartenzaun hoch und nagte an den Trieben der jungen Bäumchen.

Am nächsten Tag läuteten wiederum die Herdenglocken im Wald. Die Sonne schien, in der Luft schwebten Mariengarn und der Flaum der Pappelblüten. Als das Geläut am lautesten war und ganz in der Nähe erklang, tauchte plötzlich der Hirt Marin auf.

"Ach, Marin, Marin!" empfing Großmutter Anna ihn kopfschüttelnd. "Was tust du da, Marin?"

"Mir ist ein Bock weggelaufen, habt Ihr ihn nicht gesehen?"

"Ach, Marin, Marin, was hast du nur angestellt. Marin?"

"Was soll ich denn angestellt haben?"

Der Hirt war ein wahrer Hüne und hatte ein rotes, sonnverbranntes Gesicht; seine Beine in den Ziegenhaarwickeln glichen denen eines wilden Tieres. Er begriff nicht, worauf Großmutter Anna anspielte, sah sie mit seinen kindlichen blauen Augen verständnislos an, lächelte einfältig und wiederholte seine Frage. Nun erzählte ihm die Greisin, was geschehen war.

Marin starrte zu Boden, dachte nach, zupfte an seinem von der Sonne gebleichten, herabhängenden Schnauzbart.

"Ich töte ihn!" rief er unvermittelt, und vor Zorn wurde sein Gesicht noch dunkler.

Großvater Iwan steckte den weißen Kopf zur Tür Heraus.

"Wen willst du töten? Den Bock? Dich soll die heilige Fastnacht mit dem großen Balg töten! Lass doch! Vieh bleibt Vieh, was kannst du von so einem Tier verlangen?"

"Ich will ihn nicht mehr, ich will ihn nicht mehr", schrie der Bursche, und seine blauen Augen bekamen einen stählernen Glanz. "So ein Biest will ich nicht! Was hat er nicht alles angerichtet! Es ist, als wäre ihm der Teufel unter die Haut gefahren! Er sondert sich ab und verläuft sich, er stößt bald die eine Geiß, bald die andere. Gestern hat er auch wieder das Weite gesucht... Na, da ist er ja!" Marin deutete auf den Bock, der neben Warbans Mühle die Hecke entlangstolzierte.

Ein wenig gebückt, den langen Hirtenstab auf der Schulter, ging Marin hinunter. Seine Hunde folgten ihm. Er schritt auf den Garten zu, denn dort hatte er den Bock gesehen.

Als er in die Nähe des Gartens kam, hörte er plötzlich einen Pfiff, ähnlich dem scharfen Schrei, mit dem ein bestimmter Vogel im Walde so manchen Wanderer erschreckte. Marin wandte sich um: Hinter der Hecke, unter den Obstbäumen, stand Schenda und lachte. Sie war nur wenige Schritte von ihm entfernt.

"Komm, komm, Marin!" rief sie ihm zu.

Der Hirt starrte sie an. Sein Zorn war noch nicht verraucht.

"Wo ist der Bock?" fragte er. "Gleich will ich ihm das Fell abziehen. Großmutter Anna hat mir erzählt..."

"Was hat sie dir erzählt?"

"Nun, dass seinetwegen... hm... dein Mann fast erdrückt worden wäre. Der Mühlstein, sagt sie, ist auf ihn gefallen..."

"Recht ist Warban geschehen, Marin! Oder meinst du nicht? Dieser Stein hat mich so lange gedrückt, mag er jetzt ihn drücken!"

Sie sprach leise, ohne zu lächeln. Der Hirt sah sie erstaunt an.

"Was glotzt du so?" Sie lachte, und ihre Augen leuchteten auf. "Komm, komm näher, hör, ich will dir was sagen. Da ist der Durchgang, komm nur herein!"

Marin gehorchte. Er hatte sie schon des öfteren gesehen, aber mit einemmal erschien sie ihm ganz anders. Ihr rundes Gesicht war weder bräunlich noch weiß, sondern frisch und rosig. Und die Augen - ach, was waren das für schwarze Augen! Ihr Leib spannte die Kleider, als wollte er die Nähte sprengen. Marin vergaß den Bock, er schaute sie an und suchte vergebens nach Worten.

"Weißt du, was ich dir sagen möchte, Marin?" begann Schenda. "Seit langem schon will ich dich darum bitten, aber du gehst ja immer vorbei! Hör, Marin... Schenk mir doch ein paar Fellchen, Ziegenfelle, weißt du, schwarze, glänzende... Ich habe ein Pelzjäckchen, dafür brauche ich sie. Sieh mal, hier will ich sie aufsetzen... hier und hier... verstehst du. Marin...?"

Um zu zeigen, wo sie die Felle anbringen wollte, strich sie mit beiden Händen vom Hals herunter über die prallen Brüste. Noch immer stand sie im Schatten der Obstbäume, und die Sonne besprenkelte sie mit kleinen Lichtflecken.

"Nicht wahr. Marin, du gibst mir welche?" schmeichelte Schenda und sah ihm gerade in die Augen. Und nach einem Blick auf das Fenster der Großmutter Anna fügte sie hinzu: "Wart mal, komm hierher, die alte Hexe da oben liegt schon wieder auf der Lauer. Nichts wird sie sehen, aber die muss immer etwas zu bemäkeln haben. Komm, komm doch her!"

Sie wich zwischen den Obstbäumen und den jungen Schösslingen zurück. Das Kopftuch war ihr auf die Schultern geglitten, und das starke Haar quoll hervor. Sie lockte Marin mit sich, blickte jedoch nicht mehr in sein Gesicht, sondern über ihn hinweg. Dabei flüsterte sie:

"Nicht wahr. Marin, du gibst mir die Felle?"

"Ja, ich gebe dir welche... Soviel du willst, werd' ich dir geben!"

Auch er sprach gedämpft, seine Stimme klang fremd und heiser.

So scharf Großmutter Anna auch spähte, sie verlor Marin und Schenda aus den Augen. Sie sah sie, als sie zu beiden Seiten der Hecke standen und plauderten, sie sah sie auch noch im Garten, dann aber entschwanden sie ihren Blicken. Erst nach geraumer Zeit entdeckte sie Marin, am Brunnen. Er trank, wischte sich den Mund am Ärmel ab und starrte selbstvergessen auf die untere Mühle. Er war heiter, doch irgendwie erstaunt und verwirrt. Um das Haus herum strich der Bock, aber der Hirt beachtete ihn nicht und dachte nicht daran, ihn zu holen. Er trank noch ein zweites, ein drittes Mal, dann schulterte er den Stab und verschwand mit seinen Hunden in dem Weißbuchengehölz, aus dem nur noch schwach das Geläut seiner Herde klang.

 

* * *

 

Nebeneinander standen Postols Mühlen; derselbe Mann - ein gewisser Postol, der schon längst vergessen war - hatte sie einst erbaut, aber ihr Schicksal war nicht dasselbe. Die eine arbeitete Tag und Nacht, ihr Rad stampfte, das Wasser plätscherte und rauschte, die ganze Mühle bebte, als wollte sie zerspringen. Die andere aber schwieg. Das Wasser lief über, die ausgehöhlte Rinne verkam und barst. Der Nussbaum wurde immer größer, breitete seine Äste immer weiter aus, und unter ihm, verdunkelt durch seinen Schatten, schien Warbans Mühle von Tag zu Tag kleiner zu werden, in den Boden zu sinken, im Unkraut zu ersticken. Und drinnen, gleichsam lebendig begraben, lag der Müller im Sterben.

Schenda aber hielt es nie lange im Haus. Bald war sie im Garten, bald am Brunnen. Manchmal nahm sie den Spinnrocken, steckte ihn in den Gürtel und wanderte über die Fluren. Sie ging und spann. Ihr Gesicht leuchtete rosig in der Hitze, ihre Augen schimmerten dunkel wie sonnenreife Pflaumen. Die schweren Haarflechten hingen ihr über den Rücken. Schon von weitem war zu erkennen, dass sie lächelte. Sie schien nicht zu spinnen, sondern Fäden abzuwickeln und hinter sich her zu ziehen, als webe sie auf Schritt und Tritt Spinnennetze.

Großmutter Anna sieht ihr nach, schüttelt den Kopf und denkt: Fallen stellt sie da auf an allen Ecken und Enden. Zaubertrank hat sie in den Brunnen gegossen. Die Pest soll sie holen!

Ja, alles war wie auf den Kopf gestellt. Auch früher waren Reisende des Weges gekommen und am Brunnen stehen geblieben; aber sobald sie getrunken hatten, waren sie weitergezogen. Jetzt war es anders. Wer Wasser getrunken hatte, beeilte sich nicht, aufzubrechen. Kaufleute, Viehhändler, Steuereinnehmer säumten, rasteten unter Bäumen, reckten und streckten sich, tappten verwirrt umher, als wären sie vom Sonnenstich getroffen, und äugten zu Schenda hinüber...

Auf einmal erschallt dann im Wald Herdengeläut und Marin erscheint wie ein Drache, den der Wirbelsturm heranträgt. Er stürmt zu Schenda, sie spricht auf ihn ein, lacht, doch er wendet das verfinsterte Gesicht ab und mustert drohend die fremden Männer. Seine Blicke sind hart wie Steine. Einige begreifen sofort und machen sich aus dem Staube. Andere verweilen noch und trinken am Brunnen, ohne dass sie Durst hätten. Da fällt Marin über sie her:

"Hier ist keine Gemeindewiese, auf der ihr eure Pferde weiden dürft! Auch wir haben Vieh und brauchen das Gras selber!"

Er schwenkt den Hirtenstab, die Ärmel der kurzen, Pelzjacke gleiten zurück, die sehnigen Arme werden sichtbar, an seinem Gurt glänzen Dolche und Pistolen. Es ist nicht geraten, den ungeschlachten, halbwilden Gesellen mit den breiten Schultern und dem herabhängenden Schnauzbart noch mehr zu reizen, und die Schafsteuereinnehmer, stramme Burschen in kurzen, goldbestickten Jacken und Pluderhosen aus blauem Tuch, rüsten eilig zum Aufbruch. Sie schnallen ihren Pferden die Fußfesseln ab, sitzen auf und traben nach einem letzten Blick auf Schenda von dannen...

Eines Tages nahte eine Karawane, und zwar gerade, als eine schwarze Wolke hinter dem Berg heraufstieg. Von Zeit zu Zeit blitzte und donnerte es schon. Die schweren Gefährte ratterten den steilen Abhang hinunter, und man konnte nicht unterscheiden, ob das Poltern vom Himmel droben oder von den Wagenrädern drunten herrührte. Die starken Büffel stemmten sich zurück und schwenkten die gewundenen Hörner, die Fahrer schrien. Ein Wirbelwind brauste heran und hüllte alles in eine dichte Staubwolke. Wind und Wetter verzogen sich bald, aber noch furchtbarer und unheimlicher wirkte jetzt die Karawane, die immer näher kam.

Nachdem die Wagen die steile Höhe bezwungen und die gegenüberliegende Seite erreicht hatten, rollten sie langsam, einer hinter dem anderen, weiter und hielten vor den Mühlen. Die Wiese füllte sich mit Fuhrwerken und Büffeln. Nur wenige Regentropfen fielen, die Wolke zog vorüber, die Sonne brannte heißer als zuvor. Die Reisenden schöpften Wasser und bespritzten damit die Tiere. Dann nahmen sie die Pechbüchsen ab und fingen an, ihre Wagen zu schmieren.

Da erschien Schenda. Auf dem Weg zum Brunnen nahm sie sich vor den Büffeln in acht, wich bald vor dem einem, bald vor dem anderen zurück. Die Männer ließen die Pechbüchsen fallen und starrten die junge Frau an. Sie füllte ihre Eimer, ging ins Haus, kam wieder. Da ergriffen die Fremden ihre Wasserbälge und drängten sich zum Brunnen. Sie lachten und lärmten, und mitten zwischen den hohen Schafpelzmützen und den grauen Jacken schimmerten von Zeit zu Zeit Schendas weiße Ärmel und ihr blauer Rock, manchmal auch ihre Zöpfe, die wie schwarze Schlangen hin und her züngelten.

Großmutter Anna sah das mit an und sagte zu Großvater Iwan:

"Auch von denen wird einer hier bleiben."

"Woher willst du das wissen?"

"Da ist einer, der alle Augenblicke trinkt, ohne dass ihn dürstet. Der bleibt bestimmt..."

Und wirklich, als die Karawane nach einer Weile aufbrach, neigte sich plötzlich ein Wagen zur Seite - der erste in der Reihe, der mit den stattlichsten, kräftigsten Büffeln bespannt war - das Rad sprang ab, die Achse prallte auf den Boden und zersplitterte. Die Karawanenleute scharten sich um das Gefährt, kratzten sich unter der Pelzmütze und redeten aufgeregt durcheinander. Schließlich zogen sie weiter. Nur der beschädigte Wagen blieb zurück. Der Fahrer holte die Axt und begann, an der Bruchstelle herumzuzimmern. Er hieb und hieb, beeilte sich indessen nicht und lächelte verstohlen.

Am nächsten Tag werkelte er weiter, und neben ihm stand Schenda. Großmutter Anna spähte nach dem Walde - kein Herdengeläut ließ sich vernehmen. Marin war nicht in der Nähe. Lange wanderten ihre Blicke zwischen Wagen und Buchengehölz hin und her. Die Sonne stieg höher, es wurde warm, die Alte nickte ein.

Da klapperten Pantoffeln in ihrer Nähe, und sie erwachte. Vor ihr stand Schenda. Großmutter Anna hätte sie beinahe nicht erkannt, denn sie war geschminkt und hatte sich die Augenbrauen schwarz gefärbt wie eine Türkin. Auf ihrem Kopf zitterte eine mit Flittergold beklebte Feder, um den Hals trug sie eine Schnur roter Korallen, und an den Handgelenken klirrten Armreifen. Ihre Augen strahlten, sie lachte.

"Wie hast du dich nur aufgeputzt, du Tollkopf!" schalt die Greisin, starrte sie aber wie gebannt an, verwundert, dass sie Schenda nicht gram sein konnte. ,So viel Schönheit hat Gott dir verliehen', dachte sie. ,Möge es nur zürn Guten ausschlagen...'

Schenda deutete auf die Korallenkette.

"Großmutter Anna, ist sie nicht schön? Nicht wahr, sie ist schön? Der Karawanenführer hat sie mir geschenkt!"

"Und die Schminke?"

"Die auch, und noch mehr! Ach, Großmutter Anna, wenn du wüsstest, was er alles hat! Sein Wagen ist innen wie ein Haus. Da öffnet er eine Kiste, und dir gehen die Augen über... Sogar einen Spiegel hat er, Großmutter Anna, eben alles, alles! Und er selbst ist ein herzensguter Kerl... Ist in Konstantinopel gewesen, hat das Meer gesehen. ,Willst du?' sagt er. ,Steig nur ein, und ich bringe dich hin, dann wirst auch du das Meer sehen.' Großmütterchen, soll ich's tun?"

"Nur zu, nur zu, wenn du den Verstand verloren hast! Wie geht's Warban?"

Schenda zuckte mit den Schultern und schwieg.

"Höre, junge Frau", sprach die Greisin streng. "Lass die fremden Männer laufen und kümmere dich lieber um Warban. Eine Schande ist das, eine Sünde! Was faselst du da von Konstantinopel und vom Meer? Sorge du für deinen Mann, denn sonst..."

"Was kann ich schon für ihn tun? Ich bin ja kein Gott, kann ihm keine Seele geben!"

Und Schenda lief davon. Das Flittergold an ihrer Feder blinkte, die Armreifen klirrten. Großmutter Anna sah, dass sie geradewegs zum Karawanenführer eilte. Er hantierte noch immer an seinem Wagen. Auf dem Dach der unteren Mühle aber war wie gewöhnlich der Geißbock erschienen und polterte auf den Ziegeln herum, als tanze er einen Reigen.

In der Abenddämmerung kam Schenda wieder zu Großmutter Anna. Diesmal weinte sie, jammerte über sich, über Warban, beteuerte, dass sie ihn treulich pflegen und nirgends mehr hingehen wolle. Ihre Augen standen voller Tränen. Dann kehrte sie schnurstracks in ihr Haus zurück, ohne auch nur einen Blick auf den Fremden zu werfen. "Gott sei Dank!" murmelte die Alte und bekreuzigte sich.

Am nächsten Morgen, als Schenda die Mühle verließ, ging sie nicht zu dem Karawanenführer. Der Spinnrocken steckte in ihrem Gürtel. Ihre Augen leuchteten, sogar von weitem war zu erkennen, dass sie lachte. Wieder einmal wanderte sie spinnend über die Wiesen. Der Fremde, der seinen Wagen endlich instand gesetzt hatte, trieb nun seine Büffel zur Weide, auf demselben Weg, den Schenda gegangen war - als leite ihn der Faden, den sie spann.

Sünde war es, einen Kranken ohne jegliche Pflege zu lassen. Großmutter Anna schickte ihren Mann, nach Warban zu sehen. Als Großvater Iwan über die Schwelle trat, fuhr er zusammen und nahm die Pfeife aus dem Mund: Ein Hündchen duckte sich kläglich winselnd an die Wand, denn vor ihm stand der Bock und stieß es wütend mit den Hörnern. Großvater Iwan jagte ihn fort; ihm war, als hätte er den Teufel vertrieben. Der Mühlstein war noch nicht von der Stelle weggeschafft worden, wo er sich auf Warban gewälzt hatte. Der Greis ging in die Kammer. Stickiger Leichengeruch schlug ihm entgegen. Warban lag auf dem Rücken, wachsbleich und abgezehrt. Er sah den alten Müller, verzog schmerzlich das Gesicht und bat mit dumpfer Stimme, die aus der Erde zu kommen schien: "Jag ihn fort! Jag ihn hinaus!" Er meinte den Bock. Dann starrte er wieder zur Decke hinauf, mit angstvoll aufgerissenen Augen.

 

* * *

 

Dem Hirten Marin waren drei Ziegen entlaufen. Er war keiner von denen, die sich ihre Unachtsamkeit leicht verzeihen, und so beschloss er, nicht zu ruhen, bis er sie gefunden hätte. Er kannte seine Ziegen, wie er die Menschen an den Gesichtern erkannte. Sobald er in der Ferne etwas Weißes erblickte, meinte er, das sei eines der Tiere, und trieb die Herde dorthin. Hatte er aber die Stelle erreicht, so sah er, dass es keine Ziegen, sondern nur weiße Steine waren, und er trieb seine Tiere weiter. Drei Tage lang streifte er so im Gebirge umher, erkletterte die schroffsten Höhen, stieg in die tiefsten Schluchten. Endlich fand er die drei Vermissten. Er freute sich, lachte, holte den Spinnrocken hervor, den er für Schenda geschnitzt hatte, und verzierte ihn mit Flittergold. Am nächsten Morgen wollte er ihn Schenda bringen. Aber so lange hielt er es nicht mehr aus. Wie mit tausend Fäden zog es ihn zur Mühle. Er steckte das Messer ein, mit dem er den Spinnrocken geschnitzt hatte, und trieb die Ziegen zu Tal.

Noch nie hatten die Schellen der Herde so laut geklungen: Die kleinen lachten, schwatzten und sangen, die großen dröhnten wie Osterglocken. Großmutter Anna hörte sie schon von weitem und wusste, dass Marin kam. Als die Tiere das Weißbuchengehölz erreicht hatten, wurde das Geläut schwächer, verlor sich allmählich in der Ferne. Da erschien Marin zwischen den beiden Mühlen.

Er sah den Wagen und begriff, dass ein Schaden daran ausgebessert worden war, doch ringsum ließ sich kein Mensch blicken. Wo war Schenda? Marin suchte sie im Garten, schaute in die Mühle - vergebens. Von Zeit zu Zeit spähte er zu Großmutter Anna hinauf, traute sich aber nicht, sie aufzusuchen. Schließlich fasste er sich doch ein Herz und ging zu ihr.

Vor der Mühle empfing ihn Großvater Iwan.

"Marin, Menschenskind, wo bist du denn gewesen? Hast du dich etwa mit der blutgierigen Bärin gerauft? Sie soll sich wieder in Lipovdel gezeigt haben."

Großmutter Anna sah Marin an, und ihre Augen blitzten listig.

"Die Bärin", sagte sie, "ist nicht in Lipovdel, sondern hier, bei den Mühlen. Sie beißt nicht und kratzt nicht, sie hat langes Haar und schwarze Augen, trinkt am Brunnen, ob sie Durst hat oder nicht, und lässt die Augen bald hierhin, bald dorthin schweifen..."

Großmutter Anna wollte Marins Blick auffangen, aber der hatte die Brauen finster zusammengezogen und starrte zu Boden.

"Hm... eine Bärin", brummte er. "Was soll denn das für eine sein?"

"Stell dich doch nicht so dumm! Wie oft hast du selbst nach ihr Wasser getrunken, ohne dass du Durst gehabt hättest! Und nicht nur du! Jener Mann von dem Wagen dort, der trank auch und blieb einfach hier!"

Marin fuhr auf und schrie zitternd vor Zorn:

"Wo ist Schenda?"

"Woher soll ich das wissen?" sprach Großmutter Anna sanft. "Woher soll ich das wissen, mein Junge? Ich hab' gesehen, dass sie mit dem Spinnrocken herauskam. Und bald darauf trieb jener Karawanenführer seine Büffel fort. Ich weiß nicht, mein Junge, weiß wirklich nicht..."

Marin wartete nicht, bis sie ausgeredet hatte. Er ging seinen Ziegen nach. Von oben, aus dem Gehölz, spähte er nach den Mühlen und in die Runde, doch er konnte Schenda nirgends entdecken. Da zerrte er den Spinnrocken unter der Schafpelzjacke hervor, zerbrach ihn und warf die Stücke weg. Er hörte nicht das Geläut seiner Herde, er hielt es nicht im Walde aus; mehrmals kehrte er zurück und strich um die Mühlen. Und es war, als wachse er, werde größer und furchtbarer. Einmal kam er dicht an Großmutter Anna vorbei, beachtete sie aber nicht, und sie wagte nicht, ihn anzurufen.

Am nächsten Tag stellte er sich wiederum ein. Sengende Hitze brütete über den Mühlen. Schenda war auch diesmal nicht da. Marin kümmerte sich nicht um seine Herde, durchstreifte allein Berg und Tal. Zuweilen machte er Schritt und spähte umher. Heißer Dunst stieg von den Steinen auf, als schmölzen sie in der Sommerglut. Die Sonne stand gerade über Marins Kopf, und kein Schatten fiel hinter ihn. Er war keines klaren Gedankens fähig, nur dunkel ahnte er, was mit der Schenda geschehen war, was mit ihm selbst jetzt geschah. Er wollte sie fangen, in Stücke reißen... Und plötzlich fiel ihm ein, dass sie bei ihrer letzten Begegnung lachend gesagt hatte: "Hu, Marin, wie hässlich du bist! Ein Bär bist du, ein alter Bär" Auch die Ziegenfelle, die er ihr geschenkt hatte, kamen ihm in den Sinn. "Warte, die hole ich mir zurück!" fauchte er durch die zusammengebissenen Zähne. Aber er wusste, dass nicht dies die Ursache seines Schmerzes war. Es trieb ihn, in die Berge zurückzukehren, sich vor den Menschen zu verkriechen, einsam zu leben wie früher. Doch sogleich sagte er sich, das sei unmöglich - er fühlte, dass schreckliches Unheil über ihn hereingebrochen war.

Er schritt über den glühheißen Boden. Die Hunde folgten ihm hechelnd, mit trüben Augen. Aus verschiedenen Richtungen drang das Geläut der Ziegen an sein Ohr. Marin blieb stehen und lauschte, aber er begriff nicht, dass seine Herde auseinandergelaufen war.

Da erhob sich ein Wind und wirbelte den Staub auf. Marin blickte hoch; über dem Berg türmte sich eine Wolke, nein, keine einzelne Wolke - ein Wirbel schwarzer Ballen, die sich verdichteten und umeinander wirbelten wie eine Rauchsäule. Zuerst wehte es warm, dann kühl, es wurde dunkel, einige Tropfen fielen. Und schon raste der Gewittersturm durch den Wald, rote Blitze zuckten wie Schlangen, es krachte und donnerte.

Mehr aus Gewohnheit als aus Pflichtgefühl sammelte Marin eilends seine Herde, brachte sie an einen windgeschützten Ort und suchte Zuflucht in einer Felshöhlung. Dann sah er nichts mehr; alles versank im tosenden Wirbelsturm und im strömenden Regen. Marin hörte nicht den Donner, dachte an nichts. Erst nach einiger Zeit merkte er, dass es finster geworden war und die Blitze noch feuriger leuchteten. Er sprang auf und lief in das Unwetter hinaus. Ihm war zum Ersticken heiß, er nahm die Pelzmütze ab. Wie siedendes Wasser fielen die Tropfen auf seinen Schädel. Er war noch nicht aus dem Wald heraus, da hörte der Regen auf, und als er bei den Mühlen anlangte, hatte sich der Himmel bereits zur Hälfte aufgehellt. Durch alle Täler flössen trübe Bäche.

Marin stieg zu den Mühlen hinab. Ein dumpfes Getöse ließ ihn innehalten: Unten brauste der stark angeschwollene Fluss. Die schwarzen Wasser umfluteten die steinerne Brücke, aber die hielt stand. Im Osten senkten sich die Wolken auf den Horizont; an dem klaren Himmel stand dunkelrot der Mond.

Marin ging das Tal entlang. Ein Planwagen knarrte unten auf dem Weg, aber der Geißhirt schaute nur flüchtig hin und schritt weiter. Als er zum Brunnen kam, sah er, dass der Wagen des Karawanenführers fort war. Da durchzuckte ihn ein entsetzlicher Gedanke. Er sah Großvater Iwan aus der oberen Mühle treten, in der einen Hand eine brennende Kerze, die er mit der anderen Hand abschirmte.

"Mag sie ziehen, wohin sie will!" rief der Alte - wahrscheinlich sprach er mit Großmutter Anna. "Glück zu! Mir geht es nicht um sie, sondern um Warban! Da stirbt einer, da stirbt ein Christenmensch; man muss ihm doch ein Wachslicht in die Hand geben!"

Marin fiel es wie Schuppen von den Augen. Er kehrte um und rannte dem Wagen nach. Die Büffel trotteten gemächlich dahin. Bald hatte er das Fuhrwerk eingeholt. Er reckte sich und lugte hinein. Drinnen saßen dicht nebeneinander der Karawanenführer und Schenda. Der Mann hatte den Arm um ihre Hüften gelegt. Sein Gesicht konnte Marin in der Dunkelheit nicht sehen, aber ihn dünkte, dass jener jung und schön sei.

Wie ein Blitz traf ihn die Erkenntnis, dass er, der Hässliche, Ungeschlachte, diesen jungen Menschen nicht im Wege stehen dürfe. Trauer bemächtigte sich seiner, und er wollte umkehren. In diesem Augenblick aber polterten die Räder auf die Brücke. Marin zuckte zusammen, ließ den Hirtenstab fallen, stürzte dem Fuhrwerk nach und erreichte es mit wenigen Sätzen. Er packte den Wagenbaum, stemmte das Gefährt mit aller Kraft hoch und stieß es über das Geländer.

Marin hörte keinen Schrei, er sah nur, dass der eine Büffel in die Knie gebrochen war und sich wieder aufrichtete. Als die beiden Tiere nichts mehr hinter sich fühlten - sie schleppten nur noch die abgebrochene Deichsel nach - warfen sie den Kopf zurück, stoben von dannen und verschwanden in der Finsternis.

Marin atmete schwer. Er merkte, dass seine Hände leer waren, schaute sich nach dem Stab um und ging zurück bis zu der Stelle, wo er ihn hatte fallen lassen. Er fand ihn, schwang ihn auf die Schulter und stieg, als wäre nichts geschehen, langsam den Hügel hinan. Jetzt schimmerte der Mond weiß. Unter seinen Strahlen schmolz das Dunkel, von den Sträuchern fielen Tropfen wie Tränen.

Auf einmal hörte Marin Schritte hinter sich und wandte sich um... Der Ziegenbock trottete hinter ihm her.

 


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